Eine Fotografentour durch die Bahnwerkstätten, 1920-1922

Das war mein erstes Bild aus der „Fotografen-Tour“. Damals dachte ich mir nichts dabei: O.k., ein Erinnerungsfoto inklusive „Das-bin-ich-Kreuzchen“. Aber dann …

Dinge gibt’s! … Am Anfang dachte ich noch: „Das kann doch gar nicht sein!“ – Aber mittlerweile… Aber fangen wir mal vorne an:

Kurz vor Weihnachten 2022 habe ich als 21. Adventskalendertürchen das obenstehende Foto der „SAARBRÜCKEN 5209“ (G 8³) gebracht. Kurz darauf schrieb mich ein Hobbykollege aus dem HiFo an, ihm sei aufgefallen, dass es von diesem Typus sehr viele Aufnahmen gäbe, ob mir etwas zu dem oder den Urheber/n bekannt sei. Ich verneinte, denn zu diesem Zeitpunkt bin ich noch davon ausgegangen, dass solche Erinnerungsfotos wohl mit dem jeweiligen heimischen Fotografen erstellt würden…

Doch dann bin ich in dem EK-Buch über die 56.1 und 56.20 von Hansjürgen Wenzel über den Hinweis auf einen „reisenden Fotografen“ gestoßen. Und „Ja“ mittlerweile bin ich davon überzeugt, dass es 1920-22 einen Fotografen gegeben hat, der „großzügig“ durch die Landschaft gereist ist und in den Werkstätten und Bahnbetriebswerken diese Erinnerungsfotos angefertigt hat.

Alle diese Fotos, die sich ihm zuordnen lassen, sind durch die gleiche Aufschrift gekennzeichnet: Mit heller Farbe werden der Aufnahmeort und das Datum notiert. Hierbei ist das „B.W.“ jeweils identisch mit runden Buchstaben geschrieben. Die Schreibweise des Datums hat sich über die Zeit verändert. War die Schreibweise anfangs „normal“ – also xx.yy.zz -, findet sich ab 1921 das Datum als Bruch geschrieben: xx/yy.zz.

 

Der letzte Eintrag zeigt deutliche Abweichungen. Hier finden sich plötzlich kleingeschriebene Buchstaben und Datum und Monat haben einen Punkt erhalten. Auch die Schreibrichtung ist eine andere, aber trotzdem gibt es Parallelen… – Vielleicht ein Gehilfe? – Wie auch immer…

Jedenfalls kommt – wenn man die Augen aufhält – schon eine beachtliche Menge an Stationen auf dieser Fotografentour zusammen. Dabei ist bestimmt von Vorteil, dass es offensichtliche viele Abzüge der jeweiligen Aufnahmen gegeben hat. Wahrscheinlich hat jeder der abgebildeten Personen einen oder mehrere Abzüge erhalten.

Eine P 8 in Passau? – Entstanden ist das Bild am 4. Dezember 1920. Damals war die abgebildete P 8 fabrikneu. Sie stammt aus dem Los, dass 1920 von der Berliner Maschinenbau-Actien-Gesellschaft BMAG vormals L. Schwartzkopff unter den Fabriknummern 7214 bis 7223 gebaut und direkt an die Direktion Nürnberg der Gruppenverwaltung Bayern geliefert worden war (2544 – 2553 Halle). Das die Loks dabei der Direktion „Halle“ zugeordnet waren, soll nicht irritieren. Seit dem 1. April 1920 waren ja schließlich alle „Deutsche Reichsbahn“, auch wenn es in Bayern den Sonderstatus „Gruppenverwaltung Bayern“ gab. Und da der neue Nummernplan noch in Arbeit war und erst 1926 in Kraft trat, hielt man sich bei den Umnummerierungen noch sehr zurück. Man unterschied eher zwischen „Eigentumsbestand“ – die Loks, die buchmäßig zu einer Direktion gehörten – und „Einsatzbestand“ – die Loks, die tatsächlich vor Ort fuhren.

Los geht das Ganze im Sommer 1920:

15.07.1920 Bw Gerstungen
17.07.1920 Bw Meiningen
20.07.1920 Bw Gerstungen

11.08.1920 Bw Weissenfels (2 Aufnahmen)
18.08.1920 Bw Weissenfels (1 weitere Aufnahme) [www.weissenfelser-eisenbahnfreunde.de]

27.08.1920 Bw Warburg (Quelle: Buch „Warburger Welt der Eisenbahn“)
28.08.1920 Bw Scherfede (2 Aufnahmen, davon eine im Buch „Warburger Welt der Eisenbahn“)
30.08.1920 Lok-Rep. Wkst. Bredelar
30.08.1920 Bw Bestwig

11.09.1920 Bw Hagen Gbf
11.09.1920 Bw Fröndenberg
14.09.1920 Bw Holzwickede [fotos.verwaltungsportal.de]

27.09.1920 Bw Letmathe
28.09.1920 Bw Finnentrop
28.09.1920 Bw Altenhundem
30.09.1920 Bw Betzdorf [www.siegerlandbahn.de]

25.10.1920 Bw Frankfurt Hbf

09.11.1920 Bw Coburg

15.11.1920 Bw Würzburg Haus II

29.11.1920 Bw Weiden
03.12.1920 Bw Plattling
03.12.1920 Bw Plattling Wagenbau
04.12.1920 Bw Passau

17.01.1921 Bw Senftenberg (Buch: „Heimaterinnerungen Rauno-Reppist-Marie III“)
26.01.1921 Bw Lübbenau

18.02.1921 Bw Görlitz

15.03.1921 Bwm Angermünde

09.04.1921 Bw Anh.-Bahnhof, Lokschuppen II (EK-Spezial 148 „Anhalter Bahnhof, S. 70)

14.04.1921 Bww Mil.-Bahnhof Schöneberg (Ebay: 15.03.2026)

04.05.1921 Bw Wur. Vers. (=> Wustermark Verschiebebahnhof ?)

03.06.1921 Bw Nördlingen Bufe-Buch „Eisenbahn in Schwaben“ von 1990, Seite 44
08.06.1921 Bw Rosenheim
09.06.1921 Bw Freilassing [sonderthemen.pnp.de]
15.06.1921 Bw Crailsheim [crailsheimer-historischer-verein.de]

05.07.1921 Wagenschlosserei Stellwerk X, Kornwestheim (Ebay: 31.08.2025)
06.07.1921 Bw Esslingen

25.07.1921 Bw Oberlahnstein [www.tv-mittelrhein.de]
27.07.1921 Bw Linz am Rhein
06.08.1921 Bw Worms
08.08.1921 Bw Ludwigshafen

23.06.1922 Lehrlinge der Bwm Lauda [www.deutsche-digitale-bibliothek.de]

Zwei Wagenwerkstätten sind bisher belegt: Die Abteilung „Wagenbau“ des Bw Plattling (3.12.1920) und die Wagenschlosserei Stellwerk X, Kornwestheim (5.7.1921). Wahrscheinlich gab es aber noch viel mehr „unerwartete“ Orte, von denen nur bisher noch kein Beleg vorliegt.
Und am gleichen Tag ist dann auch dieses Bild im Bw Plattling entstanden. Es war halt alles perfekt durchorganisiert.

Bemerkenswert finde ich dabei, dass es scheint, als wären wirklich alle Werkstätten-Arten besucht worden: Natürlich haben wir das „normale“ Werkstätten-Personal der Lokomotiv-Bahnbetriebswerke, aber es wurden auch besucht:

  • Lok-Reperatur-Werkstätte: z.B. Bredelar (30.08.1920)
  • Wagenbau: Bw Plattling (3.12.1920), Kornwestheim (5.7.1921)
  • Militär-Bahnhof: Schöneberg (14.4.1921)
  • Lehrlinge: Bwm Lauda (23.6.1922)
In 7 (!) Reihen hat sich die Belegschaft in Esslingen vor der Lok aufgebaut. – Das dürfte bisher der Rekord sein: Wenn ich micht verzählt habe, haben sich hier 81 Mitarbeitende zusammengefunden. Als Hintergrund wurde übrigens die Lok Nr. 352 der Kgl. Württbg. Staatsbahn ausgewählt. Eine 1890 von der Maschinenfabrik Esslingen (Fabr.Nr. 2376) gebaute Lok der Reihe Ac.

Der Anlass für die Fototour ist nicht bekannt. Es scheint unwahrscheinlich, dass das auf Initiative eines einzelnen Fotografen entstanden ist. Dafür scheint der Aufwand für eine deutschlandweite Tour über zwei Jahre doch ein wenig groß. Am wahrscheinlichsten scheint mir, dass es sich vielleicht um eine Aktion einer Gewerkschaft handeln könnte. Aber vielleicht findet sich mit der Zeit ja noch eine Erklärung für das Phänomen „Fotografentour 1920-1922“.

Ein herzlicher Dank geht an alle Hobby-Kolleginnen und Kollegen, die mich bei der Sammlung der Daten und mit Hinweisen auf die diversen Veröffentlichungsorte der Fotos unterstützt haben. Ich freue mich auch weiterhin über Hinweise und Belege… die Auflistung der Daten wird selbstverständlich mit jedem neuen Hinweis fortgeschrieben.