Der Bhf Werdohl an der Ruhr-Sieg-Strecke (1861-74)

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Zwischen 1859 und 1861 nahm die Bergisch-Märkische Eisenbahn (BME) mit der Ruhr-Sieg-Strecke ihre dritte Hauptlinie in Betrieb. Mit ihr sollte das Eisenerz-Revier des Siegerlandes mit dem Ruhrkohlen-Bezirk verbunden werden. Einer der 16 Stationen der Strecke war die Haltestelle Werdohl. Ein bemerkenswertes Bild möchte ich hier besprechen – leider kann ich es hier nicht einstellen, da es mir nicht gehört. Also muss der Link reichen: ===>> Bitte, hier klicken! <<===

 

Zum Hintergrund

Werdohl gehörte zu den kleineren Orten entlang der Ruhr-Sieg-Strecke. Gelegen zwischen den größeren Bahnhöfen Altena und Plettenberg war hier nur eine Haltestelle vorgesehen. Ein Frachtaufkommen wurde laut Beschreibung der Ruhr-Sieg-Strecke [BME 1864] vor allem durch die benachbarte Stadt Neuenrade, das nahe gelegene – schon damals als „bedeutend“ angesehene – Thomae’sche Walzwerk und durch weitere kleinere Werke im anschließenden Versethal erwartet.

An dieser Beschaulichkeit hat sich bis 1878 nicht viel verändert. Während Werdohl bei den Stationsbeschreibungen von Adolf Scholz von 1873 garnicht auftaucht [Scholz 1873], heißt es 1879 in der „Darstellung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse im Gebiet der BME“ [BME 1879] zur Station Werdohl:

Werdohl
Das an der Lenne liegende Dorf Werdohl, mit 1.500 Einwohnern, gehört zum Kreise Altena (Reg.-Bez. Arnsberg), hat ein Postamt und fabriziert Walzdraht, Klavierstifte und Eisen-, Kupfer- und Zinnwaaren.
Werke von Bedeutung sind
:

Thomée, J. fabriziert Walzdraht, Feineisen, Telegraphendraht, verkupferten, verzinnten und verzinkten Draht. Das Werk ist mit dem Bahnhof durch Schienengleis verbunden.

Kugel & Berg Drahtzieherei und Drahtstiftenfabrik. Fabrikation von Eisendraht, Telegraphendraht, verkupfertem, verzinktem und verzinntem Draht, Drahtstiften, Sprungfedern und Ketten.

Brünninghaus, Gebr., & Cie. Stahl- und Eisenwerk. Gefertigt werden Stahle aller Art, Sensen, Pfluggeschirre, Raffinirstahlstücke, Breitwaaren und Schmiedeeisen.

Dösseler & Cie. Fabrik von deutschem rafinirten Stahl, Sensen, Sicheln, Strohmessern, Feilen, Schaufeln und Spaten.

Colsmann & Cie. Fabrik für Zinnwaaren

Funke Kohlenhandlung. Verladung erfolgt an dem Geleise von J. Thomée.

Schulenburg, W., Cie. Kupfer-, Walz- und Hammerwerk.

Dunker, J.W., Klavierstifte

Gries, F.W. in Wilhelmsthal bei Werdohl, Holzsägemühle und Holzschleiferei.

Die am linken Ufer der Lenne und westlich von dem Dorfe liegende Station Werdohl hat Personen- und Güterabfertigung.

Der Güterverkehr besteht in Empfang von Kohlen, Sand, Coaks, Roheisen, Walzdraht, altem Eisen, Ziegelsteinen, Holz, Getreide und Rohkupfer, sowie in Versand von Eisen- und Walzdraht, Eisen, Stahl, Eisen- und Stahlwaaren, Grubenholz und Holzstoff.

Mit dem Empfang und Versand von Gütern sind folgende Ortschaften auf die Station Werdohl angewiesen:

Neuenrade, Stadt mit 1.500 Einwohnern und einem Postamt. Fabrikation von Klavierstiften, Eisendraht, Drahtgeweben, Drahtwaaren, Garderobenhaltern, eisernen Nieten. Nietenfabrik A. Sternberg.

Eveking, Dorf mit 200 Einwohnern. Kupfer-, Walz- und Hammerwerk. Berg, C., Fabrik von Nieten, Fingerhüten, Vorhangringen und Messingdruckwaaren.

Elverlingsen, Dorf mit 200 Einwohnern. Fabrikation von Eisendraht.

Bärenstein, Flecken. Messingwalzwerk und Messingdrahtzieherei Basse & Selve.

Baukloh, Flecken. Fabrikation von Eisenwaaren.

 

Eine kleine Streckenbeschreibung
Aber zurück in die 1860er Jahre: Der Verlauf der Bahnanlagen im Bereich von Werdohl wird zur Bauzeit folgendermaßen beschrieben [BME 1864]:

[..] Wiederum folgt die Linie alsdann mit Überwindung mannigfacher Schwierigkeiten für einige Zeit dem Fuße des steilen westlichen Gehänges, worauf sie zwischen Lengelsen und Uetterlingsen die Lenne überschreitet, dann mittelst eines 58,8 Ruthen langen Tunnels den Bergkopf bei Uetterlingsen durchbricht und nun nach nochmaliger Überbrückung der Lenne eine von der letzteren gebildete, ebene Halbinsel bei dem Dorfe Werdohl erreicht, welches namentlich durch das in der Nähe liegende Thommee’sche Walzwerk und mehrere anderweitige Nutzbarmachungen des Flussgefälles einige industrielle Bedeutung besitzt.

Zur gleichzeitigen Aufnahme des sich hier durch die Straßen von Neuenrade und Allendorf, sowie aus dem belebten Thale der Verse ansammelnden Verkehrs wurde die Überschreitung jener günstig gelegenen Inselfläche zur Anlage einer geräumigen Haltestelle benutzt. Nach dem Austritt aus der letzteren gelangt man über die Lenne und die ihr stets zur Seite bleibenden Thalstraße sofort wieder an den Fuß eines weit vorgeschobenen Bergrückens, dessen Scheitelstrecke mit einem 83,6° langen Tunnel – Werdohler Tunnel – durchfahren werden musste. Eine nunmehrige Verdrängung der Lenne, durch welche der rechtsseitige Arm derselben bei Wintersohle trocken gelegt wurde, gab Gelegenheit, in schlankem Laufe das ebene Vorland bei Kettling zu gewinnen, und von hier aus mittelst zweier vorteilhaft situirten Lenne-Überbrückungen, zwischen welchen der 81° lange Baukloher Tunnel sich befindet, in ziemlich gerader Richtung bis zum Dorfe Teindeln vorzudringen. [..]

Aber Teindeln liegt bereits auf Plettenberger Gebiet…

Da ich leider keine Landkarte in vertretbarer Qualität aus der Bauzeit vorliegen habe, muss das Messtischblatt von 1894 genügen:

 

Aber zurück zum verlinkten Bild
Es handelt sich um eine von August Lüttmann (1829-1882) in Düsseldorf erstellte Lithograpie, die bei Elkan & Co (vormals Arnz & Co) gedruckt worden ist. Die Lithographie muss zwischen 1861 (Eröffnung der Ruhr-Sieg-Strecke) und 1874 (Abriss der auf dem Bild in der Ortsmitte dargestellten Kilianskirche) entstanden sein.

Der Blickwinkel geht von der Borghelle längs der Lenne gen Süden. Standort des Lithographen war also auf dem Messtischblatt ein Tacken rechts vom „L“ von „Werdohl“.

Das Zentrum des Bildes bildet die Eisenbahnbrücke, über die gerade ein Zug aus Siegen kommend in Richtung der Haltetelle Werdohl fährt. Die Brücke wurde in der für die Ruhr-Sieg-Strecke typischen Bauform als Gitterträgerbrücke errichtet. Sie hatte 4 Öffnungen mit jeweils 50 Fuss lichter Weite. Die Pfeiler hatten eine Neigung gegen die Bahnachse von 80 Grad.

Das Empfangsgebäude des Bahnhofs ist am rechten Bildrand zu erkennen, es besteht aus drei Gebäudeteilen: Im zweigeschossigen Hauptgebäude befand sich unteren Teil der Dienstbereich mit dem Wartesaal und dem Damen-Zimmer. Im Obergeschoss lag die Wohnung des Stationsvorstehers. Daran schloss sich als Verbindungsbau ein kleines Büro an, in dem der Stationsvorsteher seiner weiteren Tätigkeit als Güterexpedist nachkommen konnte. Den Abschluss des geamten Gebäudeensembles bildete dann der im Bild wieder klar erkennbare Güterschuppen. Schon wenige Jahre später reichte der vorhandene Schuppen nicht mehr aus und es wurde ein weiterer Schuppen (91,5 Fuß lang und 36,5 Fuß breit) aus Bruchsteinen angebaut. [BME GB 1865]
Und auch die Wartesäle wurden aufgehübscht: Der Geschäftsbericht berichtet, dass im Wartesaal dritter Klasse und im Damenzimmer Wandbekleidungen hergestellt wurden. [BME GB 1866]

 

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Die Gleisanlagen der Haltestelle selber waren eher einfach gehalten. Neben dem durchgehenden Hauptgleis gab es noch parallele Gleise, die zum Teil als Ladegleise genutzt wurden. Insgesamt erstreckten sich die Gleisanlage über die komplette Breite der Landzunge im Lennebogen – auf dem Bild ist davon allerdings nichts zu erkennen.
Mit den Jahren wurden die Gleisanlagen erweitert. So wurde 1863 das dritte durchgehende Bahnhofsgleis vollendet [BME GB 1863] und 1867 erhielt das neu erbaute Walzwerke von Fr. Thomée einen Gleisanschluss, weswegen drei Weichen und ein Teil der Bahnhofsgleise verändert werden mussten.
Die wichtigste Veränderung war allerdings die Erweiterung der Strecke auf zweigleisigen Betrieb. Die Arbeiten wurden auf dem Abschnitt Altena – Werdohl 1871 begonnen und das Gleis am 18. Juni 1873 in Betrieb genommen. Der Folgeabschnitt über Plettenberg bis Finnentrop folgte ab 1874. [BME GB 1871-1874]
1877 wurden dann die Lagerplätze erweitert und die Zufuhrwege chaussiert. [BME GB 1877]

 

 

Auch wenn es nur ein gemaltes Bild ist, so sind die Details doch sehr nah an der Natur. Das gilt auch für die beiden im Bereich des Bahnhofs wiedergegebenen Züge. Im Bahnhofsbereich steht ein Güterzug bereit. Dem Gleisplan ist deutlich zu entnehmen, dass das Ende des Umfahrungsgleises deutlich vom Bahnhofsgebäude in Richtung Brücke vorgezogen liegt. Der gemalte Ort des Zuges ist daher durchaus glaubwürdig.
Aus Richtung Siegen kommend fährt gerade ein Personenzug über die Lenne-Brücke in Richtung der Haltestelle Werdohl.

Die Bauart beider Loks ist mehr oder weniger klar zu erkennen: Es handelt sich um dreiachsige Lokomotiven, bei denen die beiden hinteren Achsen zu Treibachsen verbunden sind. Die Loks besitzen einen Langkessel mit hinter der letzten Achse durchhängendem Stehkessel und überhöhter Vierseitkuppel. Knapp hinter dem langen Schornstein steht ein mächtiger Dom. Diese Bauart deckt sich sehr gut mit der Bauart, der für den Einsatz auf der Ruhr-Sieg-Strecke angeschafften Lokomotiven. – Ob die grüne Farbgebung der Lokomotive und Wagen auf dem der künstlerischen Freiheit entsprungen ist oder einen tatsächlichen Bezug zur damaligen Realität hat, muss erstmal offen bleiben. Allerdings dürfte der messingfarbene Dom der Realität entsprochen haben.

 

Literatur

BME 1864
Bau-Anlagen der Ruhr-Sieg Eisenbahn. Düsseldorf : Breidenbach 1864 [publikationen.ub.uni-frankfurt.de]

BME 1879
Darstellung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse im Gebiet der Bergisch-Märkischen Eisenbahn, geordnet nach den Commissionsbezirken Aachen, Düsseldorf, Essen, Hagen, Altena, Cassel. Elberfeld : Friderichs 1879.

BME GB 18xx
Jahres-Bericht über die Verwaltung der Bergisch-Märkischen Eisenbahn : für das Geschäftsjahr 18xx. [digital.ub.uni-duesseldorf.de]

Messtischblatt 2724 „Altena“
Messtischblatt 2724 „Altena“. – Aufn. 1892. – 1:25000. – [Berlin]: Reichsamt für Landesaufnahme, 1894. [www.deutschefotothek.de]

Scholz 1873
Scholz, Adolf: Der Güter-Expeditionsdienst der Bergisch-Märkischen Eisenbahn. Elberfeld : Baedecker 1873.